Reifen montieren ohne Kampf: Warum der letzte Zentimeter fast nie zu eng ist
Ein neuer Reifen kann sich beim Aufziehen anfühlen, als passe er schlicht nicht auf die Felge. Besonders der letzte Abschnitt verlangt dann mehr Kraft, als man eigentlich aufbringen möchte.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen liegt es nicht an fehlender Kraft – sondern an der Position des Reifenwulsts.
Der wichtigste Handgriff: ab in die Mitte
Jede Felge hat im Felgenbett eine abgesenkte Mittelrinne. Dort ist ihr Durchmesser kleiner als außen am Beadsitz. Wenn beide Reifenwülste rundum in dieser Rinne sitzen, entsteht spürbar mehr Spiel für die Montage.
Bei einer 622er Felge mit 7 mm tiefer Mittelrinne sind das rechnerisch rund 44 mm zusätzlicher Umfang. Genau dieser Spielraum fehlt meistens am letzten Stück.
Bevor du also zum Reifenheber greifst: Den bereits montierten Teil des Reifens mit beiden Händen immer wieder zur Felgenmitte drücken.
So gelingt der letzte Abschnitt
Sitzt der Reifen bereits zu etwa zwei Dritteln auf der Felge, ist der Reflex verständlich: Reifenheber in die Mitte des offenen Bereichs und mit Nachdruck loslegen. Das ist aber die Position mit dem größten Widerstand.
Besser:
Den bereits montierten Reifenwulst mit dem Daumen in der Mittelrinne halten.
Den Reifenheber dicht am Übergang ansetzen, wo der Wulst schon in der Felge sitzt.
Den Reifen schrittweise weiterheben, statt den ganzen Rest in einem Zug erzwingen zu wollen.
Das schont Hände, Felge und Reifen. Kunststoff-Reifenheber mit ausreichend Hebel sind dafür das richtige Werkzeug; Schraubendreher und Metallhebel dürfen gerne in ihrer Schublade bleiben.
Wenn Tubeless nicht einrasten will
Für die Tubeless-Montage muss der Reifenwulst anschließend in den Beadsitz springen. Wenn das selbst mit Kompressor nicht klappt, helfen oft diese einfachen Schritte:
Ventilkern herausnehmen – mehr Luftdurchsatz ist hier alles.
Reifenwulst und Beadsitz mit Wasser und einem kleinen Tropfen Spülmittel benetzen.
Den Reifen vor dem Aufpumpen so weit wie möglich auf den Beadsitz drücken.
Besonders störrische Faltreifen etwa 30 Minuten handwarm auf die Heizung oder in die Sonne legen.
Nach dem Aufpumpen rundum die Kontrolllinie am Reifen prüfen: Sie sollte gleichmäßig parallel zur Felge verlaufen. Ein lautes Plopp kann dazugehören; Kontrolle ist trotzdem besser als Vertrauen.
Merksatz: Bei der Reifenmontage gewinnt nicht der Stärkere. Sondern derjenige, dessen Reifenwulst in der Mittelrinne sitzt.
Den technischen Hintergrund mit Formel und Grafik findest du auch im AIKON Journal.